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Thema: Reisebericht Estland (9.-15.4.2017)


Liebes Forum,

gerade noch so im April schaffe ich es endlich, einen kleinen Bericht zu meiner Estlandreise einzustellen. Ich war mit einer Reisegruppe unterwegs und zwei unglaublich fach- und ortskundigen Guides, was allein angesichts der riesigen Waldgebiete und der Küstenbereiche, an denen u.a. vier kleine Scheckenten gefunden werden sollten, wirklich toll war. Wir waren in dem Gebiet westlich und südwestlich von Tallinn unterwegs und haben von zwei verschiedenen Standpunkten aus Touren unternommen: Insel Saaremaa, Ostwestküste Estlands mit Kap Poosaspea und Insel Osmussaare, Marimetsa-Regenmoor, diverse Gebiete im Matsalu-Nationalpark, Stadtgebiet Haapsalu sowie diverse Wald- und Feldflurgebiete dazwischen.

Abgesehen von acht für mich ganz neuen Arten (Habichtskauz, Auerhuhn, Birkhuhn, Haselhuhn, Scheckente, Raubseeschwalbe, Weißrückenspecht, Schelladler) waren die alltäglichen Beobachtungen von überall zu sehenden Kranichen, Kiebitzen, Drosseln und Kleinvögeln ganz besonders – ebenso die Massen an Meeresenten (tausende Eisenten), rastenden Gänsen und Schwänen (vor allem Zwergschwäne). Am nervenaufreibensten war (für mich jedenfalls) die Suche nach den Scheckenten, die regelmäßig im Winter in einigen geschützten Buchten am Ostwestzipfel der Insel Saaremaa überwintern, was das für uns am nächsten liegende verlässliche Gebiet Europas ist, in dem man diese Art sehen kann. Da die Enten gegen Mitte April meist endgültig abziehen bereitete der milde Frühlingsverlauf ein bischen Sorge, mussten wir doch damit rechnen, dass die Scheckenten schon weg sein könnten. Als dann noch mal ein arktischer Kälteeinbruch mit kaltem Wind aus Norden kam, freute uns das ausnahmsweise sehr. Das Beobachten an der zuerst angesteuerten und als am aussichtsreichsten genannten Stelle an der ostwestlichsten Spitze der Insel war dann allerdings dementsprechend nicht unbedingt eine Freude... zumal die Enten auch nicht da waren. Einigermaßen hoffnungsvoll haben wir dann in Richtung Osten an der Küste entlang die nächste Bucht angesteuert, aber auch da war nichts. Dann die nächste Bucht, nachdem wir wieder endlos erscheinende Kilometer an der Küste ohne Blick aufs Meer zurück gelegt hatten und wieder Spektive aufbauen im kleinen Hafengelände. Nachdem wir schon eine Weile gesucht hatten und der Fokus langsam überging auf nahe und wenigstens vorhandene Mittelsäger und Eisenten kamen tatsächlich ein paar kleine, sehr helle Enten aus Norden angeflogen und landeten in einiger Entfernung in den Wellen. Drei Scheckentenerpel und ein -weibchen ließen sich dann bei etwas besser werdendem Wetter zumindest durchs Spektiv sehr gut beobachten. Auch Belegfotos waren möglich. Irgendwann entdeckte dann noch jemand eine am Ende der Mole sitzende Gryllteiste im Prachtkleid, was für diese Gegend der Ostsee auch eine eher seltene Beobachtung war und uns die Scheckenten aus dem Auge verlieren ließ. An diesem eher trostlosen und menschenverlassenen Ort ankern ab Ende Mai immer mal Kreuzfahrtschiffe und es gibt ein kleines Empfangs- und Infogebäude. Zwei Männer, die dort für die Kreuzfahrtsaison angestellt sind, aber sonst das Gebäude wahrscheinlich eher zum Zwecke der Haushaltsflucht benutzen, spielten dort Billiard und auf unsere Frage hin duften wir im Warmen und Trockenen unser Picknick ausbreiten. Den angebotenen kleinen finanziellen Ausgleich wollten sie gar nicht und haben neben uns weiter entspannt Billiard gespielt und mit unserem estnischen Guide geschnackt. Ein schönes Beispiel estnischer Gastfreundschaft :-)







Besonders eindrucksvoll war außerdem die Birkhahnbalz, bei der sich ca. 30 Tiere auf einer riesigen Wiesenlandschaft vom Weg aus beobachten ließen. Die Entfernung war recht groß, aber durch die Spektive war alles wunderbar zu sehen. Wir sind auch auf anderen Touren dann noch Birkhühnern begegnet und hatten zum Beispiel bei der Beobachtung des Weißrückenspechts die traumhafte akustische Hintergrundkulisse von kullernden Birkhähnen.








Hennen waren auch da, aber fast unsichtbar




Auerhahnbalz im morgendlichen Wald; die Lichtverhältnisse waren grenzwertig, aber für ein paar Fotos hat es gereicht

Das Haselhuhn war am schwierigsten und wurde auch nur von wenigen im Wegfliegen am Wegrand gesehen. Immerhin haben wir dann aber mehrmals den sehr ungewohnt klingenden „Gesang“ hören können. Schließlich wurde, auch am letzten Tag auf der Fahrt zurück nach Tallinn, der noch fehlende Dreizehenspecht entdeckt und in einem Park ganz unerwartet der dort sehr seltene Mittelspecht


Weißrückenspecht

Die einzige Art, die ich mir noch gewünscht hätte, mit der es aber leider nicht geklappt hat, war der Kiefernkreuzschnabel, der u.a. in den Dünenkieferwälern brütet, aber entweder zur Brut sehr heimlich ist oder als Nichtbrüter sehr unsteht herumzieht, so dass wir „nur“ ein Paar des eigentlich dort seltener vorkommenden Fichtenkreuzschnabels finden konnten.
(Fortsetzung folgt)


Zuletzt bearbeitet: 28.04.17 11:00 von Nadine


Teil 2:
Kleines Beispiel für einen normalen Beobachtungstag:
Über einem lichten Waldgebiet, in dem wir eigentlich den Grauspecht (vergeblich) suchten, kamen innerhalb von ca. 20 Minuten Beobachtungszeit je ein Stein- und ein Schreiadler, eine Kornweihe, zwei balzende Kolkraben und diverse Mäusebussarde zusammen.

Auf einer Wiese in der Kultur- und Naturlandschaft des Kasariflusses wurden wir dann neben weiteren Schreiadlern, dem ersten Schwarzstorch und zwei Taiga-Birkenzeisigen mit einem jagenden Schelladler belohnt, der zunächst kontrovers diskutiert wurde mit Tendenz Schelladler, aber Restunsicherheit, ob auch Schreiadler oder ein Hybrid in Frage kommen könnte. Glücklicherweise war der Vogel aber besendert und beringt und stellte sich im Nachhinein als das Schelladlerweibchen Iti heraus, über das seit einiger Zeit Daten gesammelt werden.


die Sendeantenne ist auf meinen schlechten Bildern nicht zu sehen; ich hatte mit einem Mitreisenden geschwatzt und den Schelladler fast verpasst

Auch besonders waren Beobachtungen von balzenden Alpenstrandläufern, die Balzrufe der Regenbrachvögel, die ein kleines Brutgebiet in Estland haben, die Balz der Waldschnepfen, jagende Sumpf- und Waldohreulen, die Beobachtung von nordischen Gimpeln, Kleibern und Schwanzmeisen sowie auch der Brutgebietsgesang der Rotdrossel, der sich vom Gesang, der bei uns auf dem Durchzug zu hören ist, deutlich unterscheidet.


nordischer Kleiber

Es folgen ein paar weitere Fotos, unter die ich wenigstens zwei der Elche gemischt habe, die grundsätzlich im Wald rumstanden und wegen ihrer späten Entdeckung jedesmal Alarm und Vollbremsung ausgelöst haben. Weitere Beobachtungen ohne Federbeteiligung waren viele Feldhasen und Rehe, ein Wildschwein, zwei Goldschakale (seit einigen Jahren in Estland ansässig, aber selten zu sehen), Ringelrobben und ein leider toter Schneehase.






Eisenten waren immer und überall an der Küste zu sehen; bei der Fährüberfahrt nach Saaremaa zu tausenden








Schreiadlermontage


hier mal ein Eindruck von der "Größe" von Eisenten








Silberreiher mit roten Füßen



Abschließend kann ich nur sagen, dass Estland ein fantastisches Land ist – sowohl für die Vogelbeobachtung als auch kulturell und wegen der großartigen und abwechslungsreichen Landschaft mit Mooren, nassen und trockenen Wäldern, Wiesen und Feldern sowie endlosen Küsten. Die Infrastruktur ist gut, die Straßen ungewohnt leer (man kann an jedem Straßenrand problemlos und ohne Gefahr halten) und an vielen Beobachtungsorten gibt es Infotafeln, Bohlenstege und Beobachtungsplattformen oder -türme, die in durchweg sehr gutem Zustand waren.

LG, Nadine



Und wieder ein Reiseziel mehr für mich...
Ein aussagekräftiger Bericht mit schönen Beobachtungen und Bildern!!!

Steffen



brennabor:
Und wieder ein Reiseziel mehr für mich...
Ein aussagekräftiger Bericht mit schönen Beobachtungen und Bildern!!!

Steffen

Dem kann ich mich nur anschließen!

LL: 277 (Uhu, Rebhuhn)


Klasse Beobachtungen!! Besonders die Scheckenten und Raufußhühner begeistern mich sehr.

Ich habe Estland schön länger als Reiseziel auf dem Schirm; jetzt umso mehr.

Danke für den tollen Bericht!!

LG,
Matze

LL: 332 (Kiefernkreuzschnabel)
Liste-D: 299 (Kiefernkreuzschnabel)
Garten-Liste: 55 (Gelbbrauenlaubsänger, Trauerschnäpper, Wachtel)



Hallo Nadine,

vielen Dank für den tollen Bericht und die beeindruckenden Fotos.

Herzliche Grüße
Martin F.



Hallo Nadine,
ein schöner Bericht und viele Bilder von Arten, die man hier kaum oder gar nicht zu sehen bekommt.

VG Ulrich


Zuletzt bearbeitet: 28.04.17 14:58 von UliK


...und dabei habe ich vergessen, dass wir ja auch noch Ohrentaucher im Prachtkleid gesehen haben! Auf einem kleinen See, eigentlich ein Stückchen abgeschnittene Meeresbucht, mitten in der schönen Stadt Haapsalu brüten jedes Jahr ein, zwei Paare. Jetzt war gerade ein Paar angekommen und ließ sich gut beobachten.


Manche von uns, die noch länger an dem See geblieben sind, während wir anderen zum Aussichtsturm weitergelaufen sind, haben noch richtig gute und nahe Fotos machen können, aber ich will nicht meckern und bin doch auch ganz zufrieden :-)
LG, Nadine



Liebe Nadine, danke für den schönen Bericht und die tollen Bilder. Ich freue mich immer, wenn ich auf diese Weise etwas mitreisen kann. Für mich eine Traumreise, die ich gerne realisieren würde. Herzliche Grüße aus Dortmund, Raimund



Toller Bericht und wie ich lese auch eine Reise die den Aufwand wert war.
Den rotbeinigen Silberreiher halte ich für einen Modesta, Östlicher Silberreiher. Vielleicht kann den ka noch jemand bestimmen !

Liebe Grüße
Richard

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Nadine,da bringst du uns ja tolle Fotos und Erlebnisse aus einem Land das bisher bei mir noch nicht auf der Liste stand :)
Kannst du mal was über Preise für Unterkunft und Unterhalt erzählen ?

Sehr toll mit den drei Raufusshühner und noch Habichtskauz !

LG Bernd

Meine Bilder hier




Blauschwanz:

Kannst du mal was über Preise für Unterkunft und Unterhalt erzählen ?

Also ein billiges Reiseland ist es nicht. Die baltischen Staaten sind allgemein auf einem relativ gehobenen Niveau. In den Städten, speziell Tallinn, merkt man das an den Preisen in den Cafes. Da wir organisiert gereist sind, habe ich allerdings keine direkten Erfahrungen, was die Unterkünfte betrifft, aber von der Ausstattung her und den Preisen für die Lunchpakete z.b. war es nicht kostengünstig, dafür allerdings auch sehr gut. Es gibt da aber bestimmt Alternativen, gerade in den ländlichen Gebieten, woraus Estland zu einem großen Teil besteht. Am günstigsten ist sicher die Reisevariante Jörg, mit Auto und Zelt also. Oder man mietet sich ein Ferienhaus; wir waren zu Beginn in einer sehr schönen Anlage in einem Dünenkiefernwald. Zu den Lebensmittelkosten und so kann vielleicht Jörg auch noch was sagen.
LG, Nadine




Nadine:
Blauschwanz:

Kannst du mal was über Preise für Unterkunft und Unterhalt erzählen ?

Also ein billiges Reiseland ist es nicht. Die baltischen Staaten sind allgemein auf einem relativ gehobenen Niveau.

Das stimmt, aber es ist sicher ein Haps günstiger als andere westeuropäische Staaten.

Nadine:
Es gibt da aber bestimmt Alternativen, gerade in den ländlichen Gebieten, woraus Estland zu einem großen Teil besteht.

Stimmt auch. Tallin ist mit weitem Abstand die teuerste Gegend Estlands. Auch die Campingplätze langen hin (23 € Zelt/Auto/eine Person/einen Tag). Auf anderen Plätzen sind die Plätze erheblich günstiger (5 €). Allerdings haben die Plätze noch lange kein westeuropäisches Niveau. Vieles ist zusammengebastelt und improvisiert. Wer diesen Charme mag, wird sich wohlfühlen. Grundsätzlich galt, dass ich überall freundlich, aber reserviert empfangen wurde.
Es gibt auch so eine Art zwischen Wildzelten und Gemeindecampingplatz. Die habe ich nicht aufgesucht, denn die wirkten eher wenig einladend.

Absolut herausragend sind die zahlreichen Biwakplätze in den Wäldern, Küsten und Mooren. Feuerholz wird gestellt, Feuerstellen auch, die Plumpsklos sind grauenhaft... und die Plätze sind der Hammer!
Im Nationalpark Soomaa auf dem Hochstand zelten und dabei Elch, Doppelschnepfe und Schelladler in unmittelbarer Nähe zu haben... und das Lagerfeuer prasselt.
Kostet alles nix und man braucht keine Sorge zu haben, dass man abgemahnt wird.

Nadine:
Zu den Lebensmittelkosten und so kann vielleicht Jörg auch noch was sagen.

Je ländlicher, desto günstiger. Es gibt zahlreiche Tante-Olga-Läden. Mit Wurst und Käse der Region. Nicht unbedingt lecker, aber rustikal.

Ich fand den Urlaub nicht teuer - auch das Auto war erschwinglich. Ich habe einen Platten gehabt, der nicht berechnet wurde und das Auto in einem saumäßig verdreckten Zustand abgegeben. Die estnischen Pisten (alle tiptop) bestehen aus einem kalkhaltigen Gestein und wenn es trocken ist, staubt es ein wenig....

Ich habe mich überall wohl gefühlt. Diese genialen Biwakplätze sind auf Karten eingetragen, die ich im Soomaa-Nationalparkcenter gesehen habe. Die Karten gibt es sicherlich überall. Sie decken aber nicht 1 zu 1 die Realität ab. Zahlreiche Schlafplätze an der Küste entpuppen sich als verbotene Zeltplätze.Da weiß die eine Karte nicht, was die andere sagt.

Es war ein toller Urlaub!

Euch allen ein nettes verlängertes Wochenende - entdeckt was Feines!

Jörg



Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht. Ich habe bisher nur der sehr hübschen Stadt Talin von Helsinki aus einen Besuch abstatten können.




Schöner Bericht Nadine!!!!

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